Die drei Nornen – Urd, Verdandi und Skuld

Die Hüterinnen des Schicksals unter Yggdrasil

Drei Frauen unter den Wurzeln der Welt

Unter den mächtigen Wurzeln Yggdrasils, dort, wo die Welten miteinander verbunden sind, sitzen drei Frauen.

Urd. Verdandi. Skuld.

Ihre Namen sind untrennbar mit dem Schicksal verbunden. Sie bestimmen Lebenswege, setzen Ordnungen und stehen für eine Macht, der sich in den nordischen Überlieferungen weder Menschen noch Götter vollständig entziehen können.

Heute werden die drei Nornen häufig als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschrieben. Urd als das, was war. Verdandi als das, was gerade wird. Skuld als das, was kommen soll.

Doch die alten Quellen erzählen eine etwas vielschichtigere Geschichte.

Wer waren diese drei Frauen wirklich? Waren sie Göttinnen? Schicksalsweberinnen? Seherinnen? Und bestimmten sie tatsächlich jeden Schritt eines Lebens?

Um das zu verstehen, müssen wir dorthin gehen, wo ihre Geschichte beginnt:

zu den Wurzeln Yggdrasils.

Yggdrasil und der Brunnen des Schicksals

Yggdrasil ist mehr als nur ein gewaltiger Baum. In der nordischen Mythologie bildet er die kosmische Mitte der Welt – seine Äste und Wurzeln verbinden die verschiedenen Bereiche des Daseins miteinander.

An einer seiner Wurzeln liegt Urðarbrunnr – der Brunnen der Urd. Genau hier verortet die Völuspá die drei Nornen Urd, Verdandi und Skuld.

Von diesem Ort aus bestimmen sie das Schicksal der Menschen. Doch ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, über das Kommende zu entscheiden. Die Völuspá erzählt, dass sie Gesetze festlegen, Leben bestimmen und Schicksal zuweisen.

In der Gylfaginning erfahren wir noch etwas anderes: Die Nornen schöpfen täglich Wasser aus dem Urdbrunnen und vermischen es mit dem Lehm, der um den Brunnen liegt. Damit begießen sie Yggdrasil, damit seine Äste weder verdorren noch verfaulen.

Ein wunderschönes Bild entsteht: Diejenigen, die über das Schicksal wachen, bewahren zugleich den Baum, der die Welten miteinander verbindet.

Yggdrasil trägt das Leben – und an seinen Wurzeln sitzen jene, die darüber bestimmen, welchen Weg dieses Leben nimmt.

Urd – das, was geworden ist

Urd ist die erste der drei namentlich genannten Nornen. Ihr Name geht auf das altnordische Urðr zurück und trägt die Bedeutung dessen, was geworden oder geschehen ist.

Deshalb wird Urd heute häufig mit der Vergangenheit verbunden. Doch sie ist mehr als eine Hüterin alter Erinnerungen. In ihrem Namen steckt ein entscheidender Gedanke: Alles, was bereits geschehen ist, gehört zu dem Fundament, auf dem unser heutiger Weg ruht.

Wir können das Vergangene nicht zurückholen und nicht ungeschehen machen. Aber es hinterlässt Spuren. Entscheidungen, Begegnungen, Verluste und Erfahrungen werden Teil dessen, was wir geworden sind.

Vielleicht trägt deshalb auch der Urðarbrunnr – der Brunnen der Urd – ihren Namen. An diesem Ort unter Yggdrasil treffen Erinnerung, Schicksal und das fortwährende Werden der Welt aufeinander.

Urd erinnert uns damit an etwas sehr Menschliches:

Die Vergangenheit bestimmt nicht, wer wir sein müssen.
Aber sie gehört zu der Geschichte, die uns hierhergebracht hat.

Verdandi – das, was gerade wird

Verdandi ist die zweite der drei Nornen. Ihr Name leitet sich vom altnordischen Verðandi ab – „das Werdende“, etwas, das gerade geschieht oder entsteht.

Deshalb wird sie häufig mit der Gegenwart verbunden. Doch eigentlich steckt in ihrem Namen etwas viel Beweglicheres: Verdandi steht nicht für einen stillstehenden Augenblick. Sie steht für das Werden.

Genau jetzt entstehen aus unseren Entscheidungen neue Wege. Jeder Schritt, jedes ausgesprochene Wort und manchmal sogar das, was wir nicht tun, wird Teil dessen, was als Nächstes geschieht.

Zwischen Urd und Skuld nimmt Verdandi deshalb eine besondere Stellung ein. Urd trägt das bereits Gewordene. Skuld weist auf das Kommende. Doch Verdandi hält den Augenblick, in dem wir noch handeln können.

Vielleicht ist sie damit die menschlichste der drei Nornen. Denn die Vergangenheit können wir nicht mehr verändern und die Zukunft kennen wir nicht.

Aber die Gegenwart?

Die liegt gerade in unseren Händen.

Skuld – das, was werden soll

Skuld ist die dritte der drei namentlich genannten Nornen – und vielleicht die geheimnisvollste von ihnen.

Ihr Name wird häufig mit der Zukunft verbunden. Doch das altnordische Skuld trägt mehr in sich. Es hängt mit dem Verb skulu zusammen – sollen, müssen – und kann auch etwas bezeichnen, das geschuldet oder noch zu erfüllen ist.

Skuld steht damit nicht einfach für eine Zukunft, die bereits fertig geschrieben vor uns liegt. Ihr Name weist vielmehr auf das hin, was werden soll, was noch aussteht und was sich erst erfüllen wird.

Und Skuld begegnet uns noch an einer anderen Stelle der nordischen Überlieferung. In der Völuspá wird eine Skuld unter den Walküren genannt – jenen Frauenwesen, die mit Odin und dem Schicksal der Gefallenen verbunden sind. Ob wir dabei dieselbe Gestalt vor uns haben, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Doch die Verbindung passt bemerkenswert gut zu einer Norn, deren Name auf das Kommende und noch Ausstehende verweist.

Vielleicht ist Skuld deshalb nicht einfach diejenige, die unsere Zukunft kennt.

Vielleicht erinnert sie vielmehr daran, dass vor uns Möglichkeiten liegen, deren Ende wir noch nicht sehen können.

Urd trägt, was geworden ist.
Verdandi hält, was gerade wird.
Und Skuld wartet dort, wo unser nächster Schritt noch nicht getan wurde.

Weben die Nornen wirklich die Fäden des Schicksals?

Wenn wir heute an die Nornen denken, entsteht beinahe automatisch ein Bild: Drei Frauen sitzen unter Yggdrasil und spinnen oder weben die Fäden des menschlichen Schicksals.

Es ist ein kraftvolles Bild – und eines, das wunderbar zu Urd, Verdandi und Skuld passt. Doch die altnordischen Quellen erzählen es nicht ganz so eindeutig.

In der Völuspá kommen die drei Nornen aus einer Halle am Urdbrunnen. Dort bestimmen sie Schicksale, setzen Gesetze und wählen den Menschen ihr Los. Von einem Webstuhl oder davon, dass Urd, Verdandi und Skuld gemeinsam die Lebensfäden aller Menschen weben, ist an dieser Stelle nicht die Rede.

Trotzdem ist die Vorstellung vom Schicksal als Faden oder Gewebe der nordischen Welt keineswegs fremd. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das im Darraðarljóð, einem Gedicht innerhalb der Njáls saga. Dort weben Walküren auf grausame Weise den Ausgang einer Schlacht – mit Waffen und menschlichen Körperteilen als Werkzeugen ihres Webens.

Über die Jahrhunderte verschmolzen solche Vorstellungen immer stärker mit dem Bild der Nornen. So entstanden jene drei geheimnisvollen Frauen, die wir heute so oft unter Yggdrasil sehen, während zwischen ihren Händen die Fäden von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verlaufen.

Historisch sollten wir also unterscheiden zwischen dem, was die Quellen tatsächlich erzählen, und dem Bild, das spätere Kunst und moderne Mythologie daraus geschaffen haben.

Und trotzdem besitzt der Schicksalsfaden eine wunderschöne Symbolik:

Jeder Augenblick knüpft sich an den vorherigen.
Jede Entscheidung verändert das Muster.
Und erst am Ende erkennen wir vielleicht, welches Bild daraus entstanden ist.

Die Nornen in der Völva-Saga

Auch in der Völva-Saga sind Urd, Verdandi und Skuld mehr als Gestalten aus einer längst vergangenen Mythologie.

Schon in Band 1 begleiten die alten Vorstellungen von Schicksal, Zeichen und den unsichtbaren Verbindungen zwischen Menschen Yrsas Weg.

Dabei geht es nicht darum, dass die Nornen jeden ihrer Schritte bestimmen oder ihr eine fertige Zukunft vorlegen. Vielmehr steht Yrsa immer wieder vor derselben Frage, die auch hinter den alten Erzählungen steckt:

Was ist Schicksal – und was ist unsere eigene Entscheidung?

Manche Begegnungen können wir nicht planen. Manche Wege entstehen, obwohl wir sie niemals gesucht haben. Und manchmal tritt ein Mensch in unser Leben, bei dem wir erst viel später verstehen, warum sich unsere Wege überhaupt gekreuzt haben.

Yrsa muss lernen, Zeichen wahrzunehmen, ohne ihnen blind zu folgen. Sie muss unterscheiden zwischen dem, was sie spürt, dem, was sie hofft – und dem Weg, den sie selbst zu gehen bereit ist.

Denn auch eine Völva bekommt nicht alle Antworten.

Manche Geschichten müssen erst gelebt werden, bevor ihr Muster sichtbar wird.

Was die Nornen uns heute noch erzählen können

Urd, Verdandi und Skuld gehören einer Welt an, deren Geschichten vor vielen Jahrhunderten erzählt wurden. Und doch steckt in ihnen ein Gedanke, der erstaunlich zeitlos geblieben ist.

Wir alle tragen eine Vergangenheit mit uns. Wir alle stehen in diesem einen Augenblick, in dem wir handeln können. Und wir alle blicken auf eine Zukunft, von der wir nicht wissen, was sie bringen wird.

Vielleicht müssen wir die Nornen deshalb gar nicht als drei Wesen verstehen, die irgendwo unter Yggdrasil sitzen und jeden einzelnen Schritt unseres Lebens festlegen.

Wir können sie auch als Erinnerung betrachten.

Urd lehrt uns, anzunehmen, was gewesen ist.
Verdandi erinnert uns daran, im Jetzt zu leben und zu entscheiden.
Skuld lässt uns darauf vertrauen, dass noch nicht alles geschrieben sein muss.

Zwischen diesen drei liegt unser Leben.

Zwischen Erinnerung, Entscheidung und Möglichkeit.

Und vielleicht ist Schicksal am Ende nicht nur das, was uns widerfährt.

Vielleicht ist Schicksal auch das, was wir daraus machen.

Setz dich ans Feuer.
Die nächste Geschichte wartet bereits.

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