Was ist eine Völva?

Zwischen Seherin, Schicksal und nordischer Überlieferung

Sie war Seherin, Wanderin und Hüterin alten Wissens.

Die Völva gehört zu den geheimnisvollsten Gestalten der nordischen Welt. Menschen suchten ihren Rat, wenn Entscheidungen bevorstanden, wenn das Schicksal ungewiss war oder wenn sie Antworten suchten, die sich nicht mit dem Verstand allein finden ließen.

Doch wer war die Völva wirklich? Eine Priesterin? Eine Zauberin? Eine Seherin?

Um ihr näherzukommen, müssen wir weit zurückgehen – in eine Zeit, in der die Grenzen zwischen der sichtbaren Welt und der Welt der Götter, Geister und Schicksalsmächte noch ganz anders verstanden wurden.

Das altnordische Wort Völva bezeichnet eine Seherin, die in der nordischen Welt eine besondere Stellung einnahm. Sie galt als eine Frau mit außergewöhnlichem Wissen – eine, die Zeichen deuten, Weissagungen aussprechen und durch besondere Rituale Zugang zu Dingen suchen konnte, die anderen verborgen blieben.

Völven waren nicht einfach „Hexen“, wie wir den Begriff heute verstehen würden. In den überlieferten Geschichten begegnen sie uns vielmehr als Seherinnen und Trägerinnen besonderen Wissens. Ihr Rat konnte gesucht werden, wenn eine Gemeinschaft vor wichtigen Entscheidungen stand oder wissen wollte, was die Zukunft bringen könnte.

Besonders eng wird die Völva mit Seiðr verbunden – einer Form nordischer Magie, die unter anderem mit Weissagung und der Beeinflussung von Geschehnissen in Verbindung gebracht wird. Selbst Odin wird in den altnordischen Quellen mit Seiðr verbunden.

Eines ihrer auffälligsten Kennzeichen war vermutlich ihr Stab. Schon ihr Name wird üblicherweise mit einem Stab beziehungsweise einem Stabträger in Verbindung gebracht. Archäologische Funde reich ausgestatteter Frauengräber mit besonderen Eisenstäben werden deshalb immer wieder mit Völven und Seiðr in Verbindung gebracht.

Der Stab war weit mehr als nur ein Gegenstand, den die Völva bei sich trug. Er wurde zu einem ihrer wichtigsten Erkennungszeichen – so sehr, dass bereits ihr Name vermutlich auf ihn verweist.

In verschiedenen Gräbern aus der Wikingerzeit wurden ungewöhnliche Eisenstäbe gefunden, die von der Forschung mit Seiðr und weiblichen Ritualspezialistinnen in Verbindung gebracht werden. Manche erinnern in ihrer Form sogar an Spinnrocken – ein faszinierender Gedanke, denn in der nordischen Vorstellungswelt war das Spinnen und Weben eng mit dem Schicksal verbunden.

Und genau hier begegnen uns wieder die Nornen: Urd, Verdandi und Skuld. Sie stehen für Vergangenheit, Gegenwart und das, was werden soll – und bestimmen am Weltenbaum Yggdrasil das Schicksal der Menschen.

Ob jeder gefundene Stab tatsächlich einer Völva gehörte, können wir heute natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Doch archäologische Funde und die altnordischen Überlieferungen ergeben gemeinsam ein faszinierendes Bild: Der Stab war Symbol für Wissen, Ritual und die Verbindung zu einer Welt, die nicht jeder betreten konnte.

Seiðr – die Magie der Völva

Seiðr gehört zu den geheimnisvollsten Formen magischer Praxis, die uns aus der altnordischen Überlieferung begegnen. Er wird mit Weissagung, dem Erkennen verborgener Zusammenhänge und auch mit dem Versuch verbunden, auf zukünftige Ereignisse oder das Schicksal Einfluss zu nehmen.

Besonders eng ist Seiðr mit der Völva verbunden. In den Überlieferungen begegnen uns Frauen, die durch besondere Rituale in einen veränderten Zustand gelangten, Zeichen deuteten und Antworten auf Fragen suchten, die für andere verborgen blieben.

Eine der eindrucksvollsten Beschreibungen finden wir in der Eiríks saga rauða – der Saga von Erik dem Roten. Dort wird die Seherin Þorbjörg lítilvölva beschrieben. Sie trägt besondere Kleidung, besitzt einen Stab und nimmt während ihrer Weissagung auf einem erhöhten Sitz Platz. Frauen stimmen sogenannte Varðlokkur an – Gesänge, die Teil des Rituals sind.

Doch Seiðr gehörte in den nordischen Erzählungen nicht ausschließlich zur Welt der Völven. Auch die Götter kannten diese Kunst.

Freyja gilt als jene, die Seiðr zu den Asen brachte und Odin darin unterwies. Und ausgerechnet Odin, der rastlose Sucher nach Wissen, Weissagung und verborgener Erkenntnis, praktiziert selbst Seiðr.

Damit berührt Seiðr einen Gedanken, der sich durch viele nordische Geschichten zieht: Wissen hat seinen Preis. Wer hinter den Schleier blicken will, muss bereit sein, sich dem zu stellen, was dort wartet.

Odin und Freyja – Wissen kennt keine Grenzen

In der nordischen Mythologie begegnen sich in Odin und Freyja zwei Gestalten, deren Verbindung zu Wissen, Magie und Schicksal besonders faszinierend ist.

Freyja wird in den Überlieferungen eng mit Seiðr verbunden. In der Ynglinga saga heißt es, dass sie diese Kunst zu den Asen brachte. Odin wiederum ist geradezu besessen von verborgenem Wissen. Er opfert ein Auge für einen Trunk aus Mimirs Brunnen und hängt neun Nächte verwundet an Yggdrasil, um die Runen zu erlangen.

Auch Odin praktiziert Seiðr. Das ist bemerkenswert, denn diese Form der Magie wurde in den überlieferten nordischen Vorstellungen stark mit Frauen verbunden und konnte für einen Mann mit gesellschaftlicher Schande verbunden sein. Odin überschreitet diese Grenze dennoch – sein Verlangen nach Erkenntnis ist größer als die Regeln seiner Welt.

Freyja und Odin zeigen damit zwei unterschiedliche Wege zum verborgenen Wissen. Die eine ist eng mit Seiðr verbunden, der andere sucht Erkenntnis selbst dort, wo sie Opfer verlangt.

Und vielleicht liegt genau darin ein Gedanke, der bis heute fasziniert: Wissen wird nicht einfach gegeben. Man muss bereit sein, danach zu suchen.

Die Nornen und das Gewebe des Schicksals

Tief an den Wurzeln Yggdrasils, des Weltenbaumes, begegnen uns drei der geheimnisvollsten Gestalten der nordischen Mythologie: Urd, Verdandi und Skuld – die Nornen.

Sie stehen sinnbildlich für das, was war, das, was geschieht, und das, was werden kann. In den alten Überlieferungen bestimmen sie das Schicksal der Menschen und selbst das Leben der Götter bleibt nicht völlig außerhalb ihrer Macht.

Urd trägt die Vergangenheit in sich – all das, was bereits geschehen ist und nicht mehr verändert werden kann.
Verdandi steht für das Werden, für den Augenblick, in dem wir handeln und Entscheidungen treffen.
Skuld richtet den Blick auf das Kommende – auf das, was aus dem entstehen kann, was bereits war und was wir heute tun.

Oft sprechen wir vom „Weben der Schicksalsfäden“. Dieses wunderschöne Bild ist allerdings stärker eine spätere bildhafte Deutung; die Völuspá erzählt vor allem davon, dass die Nornen Schicksal bestimmen, Gesetze festlegen und das Leben der Menschen ordnen.

Und vielleicht liegt gerade darin ihre zeitlose Faszination: Wir können unsere Vergangenheit nicht ändern. Aber in der Gegenwart entscheiden wir mit, welchen Weg wir in die Zukunft nehmen.

Die Völva – zwischen Schicksal und eigener Entscheidung

Die Völva konnte nach Antworten suchen, Zeichen deuten und von dem erzählen, was sie erkannte. Doch sie nahm dem Menschen eines nicht ab: seinen eigenen Weg.

Vielleicht ist genau das einer der faszinierendsten Gedanken hinter den alten Erzählungen. Schicksal bedeutet nicht zwangsläufig, dass jeder Schritt unseres Lebens bereits unveränderlich feststeht. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind miteinander verwoben – und trotzdem handeln, entscheiden und verändern wir.

Eine Weissagung konnte warnen. Sie konnte einen möglichen Weg sichtbar machen oder etwas aussprechen, das längst verborgen unter der Oberfläche lag. Aber am Ende musste derjenige, der ihren Rat suchte, selbst entscheiden, was er mit diesem Wissen tat.

Die Völva zeigte den Weg. Gehen musste ihn jeder selbst.

Und vielleicht liegt darin auch heute noch etwas Wertvolles. Wir suchen manchmal im Außen nach Antworten, obwohl ein Teil davon längst in uns selbst liegt. Manchmal brauchen wir nur einen Moment der Stille, ein Symbol, eine Geschichte – oder einen Menschen, der uns hilft, genauer hinzusehen.

Von der Völva zur Völva-Saga

Genau aus dieser Welt ist auch meine Völva-Saga entstanden.

Nicht als Lehrbuch über nordische Mythologie und auch nicht als historische Dokumentation. Die alten Mythen, Symbole und Überlieferungen bilden vielmehr den Boden, auf dem eine ganz eigene Geschichte wachsen durfte.

Eine Geschichte über Menschen, die lieben und zweifeln. Die kämpfen und manchmal lernen müssen, das Schwert niederzulegen. Über Nähe und Rückzug, Mut und Angst – und über zwei Wege, die vielleicht unterschiedlicher aussehen, als sie tatsächlich sind.

Yrsa ist eine Völva. Doch bevor sie eine Seherin ist, ist sie ein Mensch.

Und genau dort beginnt für mich die eigentliche Magie dieser Geschichte: nicht bei Zaubersprüchen oder Prophezeiungen, sondern bei dem, was Menschen erkennen, wenn sie den Mut haben, wirklich hinzusehen.

Denn manchmal führt uns das Schicksal an einen bestimmten Ort.

Was wir dort tun, bleibt unsere Entscheidung.

Wenn die alten Geschichten weiterleben

Die Welt der Völva liegt viele Jahrhunderte hinter uns – und doch faszinieren ihre Geschichten bis heute.

Vielleicht, weil es dabei nie nur um Magie, Götter oder Weissagungen ging. Es ging um Fragen, die Menschen sich noch immer stellen: Woher komme ich? Welchen Weg gehe ich? Was kann ich verändern – und was muss ich annehmen?

Genau diesen Fragen werden wir hier immer wieder begegnen. Wir werden gemeinsam tiefer in die nordische Mythologie eintauchen, Runen und ihre überlieferten Bedeutungen kennenlernen, alten Sagen folgen – aber auch Meditationen und kleine Rituale ihren Platz geben.

Und natürlich werden wir immer wieder hinter die Seiten der Völva-Saga schauen.

Denn die alten Geschichten sind längst erzählt.

Aber vielleicht sind noch nicht alle gehört worden.

„Setz dich ans Feuer. Die nächste Geschichte wartet bereits.“

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